Spiritual Bypassing im Yoga: Wenn Achtsamkeit Machtmissbrauch deckt

Was, wenn ein einziger sanfter Satz genügt, um eine Grenzverletzung zum Schweigen zu bringen? Am Ende einer Yogastunde, bei Kerzenlicht, dem Duft von Räucherstäbchen und einem gemeinsamen Om, nimmt eine Teilnehmerin ihren Mut zusammen und spricht leise an, dass ihr ein Assist zu weit ging. Die Antwort kommt sanft und freundlich: „Vielleicht ist das dein Widerstand. Schau mal, was das mit dir macht.“ Der Satz klingt achtsam, und genau darin liegt das Problem.

Dieses Muster hat einen Namen: Spiritual Bypassing. Gemeint ist der Griff zu spirituellen Konzepten, um unangenehmen Gefühlen, Konflikten oder Verantwortung auszuweichen. Ich möchte mit dir teilen, warum Spiritual Bypassing im Yoga mehr ist als persönliches Ausweichen. Es ist ein Strukturproblem: eines, das in Yogaräumen immer wieder Machtmissbrauch schützt und Betroffene zum Schweigen bringt. Gleichzeitig trägt die Yogaphilosophie selbst Werkzeuge in sich, mit denen wir das durchschauen können.

Wir schauen zuerst auf den Begriff. Danach geht es um den Jivamukti Kontext als ein Beispiel von vielen, Guru Idealisierung und Täter-Opfer-Umkehr. Zum Schluss bekommst du vier Konzepte aus der Yogaphilosophie und konkrete Fragen für deine eigene Praxis damit du dich schützen kannst.

Spiritual Bypassing heißt: Spiritualität als Umgehungsstraße

Der Begriff stammt aus der Psychotherapie. Geprägt wurde er 1984 vom Psychotherapeuten John Welwood in seinem Aufsatz „Principles of Inner Work“ im Journal of Transpersonal Psychology, für Menschen, die spirituelle Praxis nutzen, um schmerzhafte Themen zu überspringen. (Journal of Transpersonal Psychology). Das Bild ist treffend. Eine Umgehungsstraße führt dich am Stadtkern vorbei: Du kommst schneller voran, siehst aber nie, was mitten im Ort passiert.

Im Yoga zeigt sich das oft in vertrauten Sätzen:

  • „Alles passiert aus einem Grund.“

  • „Bleib einfach in deiner positiven Energie.“

  • „Wut ist ein niedriges Gefühl, lass sie los.“

  • „Das ist dein Karma.“

  • „Du ziehst an, was du ausstrahlst.“

Jeder dieser Sätze kann in einem bestimmten Moment tröstlich sein. Problematisch werden sie, wenn sie ein Gespräch beenden sollen. Wer Wut sofort „loslassen“ soll, lernt nicht, was die Wut eigentlich schützen will. Sehr oft schützt sie eine Grenze.

Auf meinem Weg als Lehrerin habe ich gemerkt, wie leicht mir solche Formulierungen selbst über die Lippen gehen. Sie klingen weise und kosten nichts. Genau deshalb lohnt es sich, sie auf der Matte und im Alltag genauer anzuschauen.

Vom persönlichen Ausweichen zum Strukturproblem im Yogaraum

Die gängige Erklärung von Spiritual Bypassing bleibt beim Individuum stehen. Da ist eine Person, die ihre Trauer wegmeditiert oder Konflikte mit einem Dauerlächeln überspielt. Das gibt es, und es verdient Mitgefühl. Spannender (und gefährlicher) wird es, wenn eine ganze Gemeinschaft diese Logik teilt.

In vielen Yogaräumen gibt es eine klare Hierarchie. Vorne sitzt die Lehrperson, oft auf einem erhöhten Platz. Sie kennt die Sanskritnamen, die Philosophie und die „richtige“ Ausrichtung. Schüler*innen kommen häufig in verletzlichen Lebensphasen: nach einer Trennung oder in einer Krise. Diese Mischung aus Machtgefälle und Verletzlichkeit ist an sich schon heikel.

Kommt spirituelle Sprache dazu, verschiebt sich etwas. Kritik wird zu „Ego“. Unbehagen wird zu „Blockade“. Wer eine Grenze zieht, gilt als „noch nicht so weit“. So entsteht ein Klima, in dem Betroffene zuerst an sich selbst zweifeln, statt an dem, was ihnen passiert ist. Dafür gibt es einen klaren Begriff: Gaslighting, also das systematische Verunsichern der eigenen Wahrnehmung.

Dazu kommt oft finanzielle Abhängigkeit. Teure Ausbildungen, Retreats und Mentoring-Programme binden Menschen an eine Schule oder eine Person. Wer viel Geld investiert hat und selbst unterrichten möchte, riskiert mit Kritik die eigene Zukunft. Das Schweigen hat dann ganz handfeste Gründe.

Der Jivamukti-Kontext: Was Berichte über Machtmissbrauch zeigen

Der aktuelle Anlass für diesen Text sind Erfahrungsberichte aus dem Umfeld von Jivamukti Yoga. Am 1. Februar 2016 geht am District Court of New York City County ein Antrag auf richterliches Eingreifen „Request for Judicial Intervention“ ein. Holly Faurot klagt wegen sexueller Belästigung durch  Ruth Lauer-Manenti, Jivamukti Yoga Center und weiteren an (Trellis.law).  Ich schreibe hier bewusst von Berichten und Vorwürfen, ob und in welchem Umfang sie zutreffen, kann ich nicht beurteilen, und das soll dieser Artikel auch nicht leisten. In den vergangenen Wochen meldet @elisalivmora bei Instagram Übergriffe von Jivamukti Lehrenden. Diesmal nicht in New York, sondern in Paris. Was genau den einzelnen Personen passiert ist und was sie der Yoga Schule vorwerfen, ist nicht Teil dieses Artikels. Man kann die Erfahrungsberichte aber nachlesen.  Mich interessiert die Frage, was Institutionen tun, wenn Vorwürfe laut werden.

Es gibt einige Muster, auf die du bei solchen Fällen achten kannst:

  • Verzögerung: Hinweise werden lange intern „geklärt“, ohne unabhängige Stelle.

  • Umdeutung: Übergriffige Berührungen werden als „energetische Arbeit“ oder „intensive Assists“ beschrieben.

  • Loyalitätsdruck: Die Gemeinschaft soll „zusammenhalten“ und „keine negative Energie verbreiten“.

  • Reinwaschung durch Tradition: Die Lehre gilt als so wertvoll, dass die Person dahinter geschützt wird.

Was mich an dem Umgang von Jivamukti Global stört, ist die fehlende strukturelle Aufarbeitung. Und an dieser Stelle könnte man auch das große Fass aufmachen, dass einem der drei Gurus und inzwischen verstorbene Pattabhi Jois ebenfalls mehrfach sexuelle Übergriffe vorgeworfen worden sind. In einigen Studios steht noch sein Foto auf dem Altar.

Warum ich hier von Jivamutki schreibe und nicht von Mark Whitwell, Bikram Choudhury (Bikram Yoga) oder Yogi Bhajan (Kundalini Yoga), um nur ein paar bekannte Beispiele von vorgeworfenen Übergriffen zu nennen, ist, dass ich Jivamukti Lehrerin bin und es meine Schule betrifft. Es geht um eine Reflexion – auch dort, wo es weh tut.

Ich halte es wie die meisten Menschen, die zu Gewalt und Machtmissbrauch arbeiten: Im Zweifel stehe ich an der Seite der Betroffenen. Das bedeutet keine Vorverurteilung. Es bedeutet, Berichte ernst zu nehmen, externe Perspektiven einzuholen und damit oft die Logik der Yoga Bubble zu verlassen.

Guru-Idealisierung und Täter-Opfer-Umkehr: Wie Gemeinschaften schweigen lernen

Viele moderne Yogaschulen tragen den Namen oder das Bild einer Gründerperson. Das ist nicht per se schlecht. Lehrer*innen können uns tief berühren und neue Perspektiven eröffnen. Schwierig wird es, wenn aus Dankbarkeit Verehrung wird und aus Verehrung Unantastbarkeit.

Guru-Idealisierung funktioniert wie ein Kopfstand der Wahrnehmung. Plötzlich stehen die Dinge auf dem Kopf: Die mächtigere Person gilt als die verletzlichere, weil ihr „Werk“ bedroht ist. Die Person, die von einem Übergriff berichtet, gilt als Störfaktor. Aus Verantwortung wird Rufschaden, aus Schmerz wird Undankbarkeit.

Hier greift die Täter-Opfer-Umkehr. In spirituellen Räumen klingt sie oft besonders sanft:

  1. „Was hast du in dieser Situation gelernt?“

  2. „Vielleicht hast du dich unbewusst so verhalten.“

  3. „Groll hält dich nur selbst fest. Vergib.“

  4. „Er ist auch nur ein Mensch auf seinem Weg.“

Jeder dieser Sätze verschiebt die Aufarbeitung zu der Person, der etwas angetan wurde. Sie soll reflektieren und vergeben. Die Person mit Macht muss dagegen nichts tun. Aus feministischer Sicht ist das kein Zufall. Übergriffe in Yogaräumen treffen nach vielen Berichten vor allem Frauen, und die Aufforderung zur Sanftmut trifft sie gleich doppelt.

Vergebung kann ein wichtiger Schritt sein. Aber sie gehört den Betroffenen, in ihrem Tempo, auf ihrem Weg. Eine Gemeinschaft, die Vergebung einfordert, betreibt Spiritual Bypassing auf Kosten derer, die am wenigsten geschützt sind.

Vier Konzepte aus der Yogaphilosophie als kritisches Werkzeug

Das Paradoxe ist: Dieselbe Philosophie, die zur Ausrede missbraucht wird, liefert klare Maßstäbe gegen Missbrauch. Die Yamas aus Patanjalis Yoga-Sutra beschreiben unseren Umgang mit anderen. Mehr dazu findest du im Artikel Yoga im Alltag mit Patanjalis Yamas und Niyamas. Dazu kommt Avidya, das im Yoga-Sutra als Wurzel der sogenannten Kleshas gilt, der inneren Trübungen.

Ahimsa: Gewaltlosigkeit schützt zuerst die Verletzlichen

Ahimsa wird oft als Gewaltlosigkeit übersetzt. In vielen Studios wird es auf Ernährung oder freundliche Worte ausgelegt. Ahimsa betrifft aber auch die Frage, wer in einer Situation verletzt wird. Ein Assist ohne Einverständnis kann Ahimsa verletzen, egal wie gut sie gemeint ist. Und eine Gemeinschaft, die Betroffene zum Schweigen bringt, verletzt Ahimsa und Satya (Ehrlichkeit) ebenfalls.

Avidya: Die Idealisierung durchschauen

Avidya meint eine verzerrte Wahrnehmung: Wir halten das Vergängliche für ewig und das Unreine für rein. Guru-Idealisierung ist ein Paradebeispiel. Wir sehen eine Lehrperson als erleuchtet an und übersehen dabei den Menschen mit Bedürfnissen, Schwächen und Macht. Avidya aufzulösen heißt, den Blick zu klären, das bedeutet auch, einer verehrten Person Fehlverhalten zuzutrauen.

Brahmacharya: Achtsamer Umgang mit Energie und Nähe

Brahmacharya wurde historisch oft als Enthaltsamkeit verstanden. Heute lesen viele Lehrende es als bewussten, maßvollen Umgang mit Energie, auch mit sexueller Energie. In einem Lehrer-Schüler-Verhältnis ist das eindeutig. Wer Macht über andere hat, trägt die Verantwortung für Grenzen. Romantische oder sexuelle Annäherung an Schüler*innen ist eine Red Flag, wie auch immer sie spirituell begründet wird.

Aparigraha: Keine Anhaftung an Status, Geld und Gefolgschaft

Aparigraha heißt Nicht-Anhaften oder Nicht-Horten. Ich habe darüber schon im Zusammenhang mit Ausmisten und der inneren Haltung geschrieben. Für Institutionen bedeutet es: loslassen von Ruf und Umsatz, wenn Menschen zu Schaden gekommen sind. Für uns als Praktizierende heißt es, einer Lehrperson nicht deshalb treu zu bleiben, weil wir viel investiert haben. Geld und Zeit sind kein Grund, die eigene Wahrnehmung aufzugeben.

Consent auf der Matte: Fragen für deine Yogapraxis und dein Studio

Philosophie wird erst wertvoll, wenn sie im Alltag ankommt. Deshalb möchte ich dir konkrete Fragen mitgeben. Nimm dir Zeit dafür, vielleicht mit einem Notizbuch, vielleicht in Stille auf deiner Matte.

Fragen an dich selbst

  1. Wann habe ich zuletzt ein ungutes Gefühl als „mein Thema“ abgetan, obwohl es ein Warnsignal war?

  2. Welche spirituellen Sätze nutze ich, um Gespräche abzukürzen?

  3. Gibt es eine Lehrperson, der ich kein Fehlverhalten zutrauen würde? Warum?

  4. Wie fühlt sich meine Wut an, und welche Grenze schützt sie?

  5. Welche finanziellen oder sozialen Abhängigkeiten halten mich in einer Gemeinschaft?

Fragen an dein Studio oder deine Ausbildung

  1. Wirst du vor Hilfestellungen gefragt, und kannst du jederzeit Nein sagen, ohne Erklärung?

  2. Gibt es eine unabhängige Anlaufstelle für Beschwerden, außerhalb der Leitung?

  3. Wie wird über frühere Vorwürfe gesprochen: offen oder gar nicht?

  4. Sind Preise und Vertragsbedingungen transparent?

  5. Dürfen Schüler*innen die Lehre kritisch hinterfragen, ohne als „Ego“ abgestempelt zu werden?

Consent ist dabei mehr als ein einmaliges Ja am Anfang der Stunde. Einverständnis kann sich in jedem Moment ändern. Ich nutze Karten, mit denen du still zeigst, ob du berührt werden möchtest. Solche Werkzeuge sind einfach und verändern den Raum spürbar.

Deine Intuition ist dabei ein wichtiger Schutz. Wenn sich etwas falsch anfühlt, darfst du gehen. Du musst nichts beweisen, um eine Grenze zu setzen. Eine gute Yogapraxis stärkt genau diese Fähigkeit. Sie macht dich feinfühliger für dich selbst und damit auch weniger manipulierbar. Außerdem hilft dir ein Verständnis der Yoga Philosophie mit den Yamas und Niyamas selbst zu bewerten, ob eine Lehrer*in zu dir passt oder nicht. 

Warum echte Praxis unbequem sein darf

Ich weiß, dass Yoga ein Kraftort ist. Ein Raum, in dem jede Person die Freiheit hat, sich zu zeigen, Grenzen zu setzen und sich zu fühlen. Dafür braucht es aber mehr als Kerzen und schöne Sätze, es braucht Gemeinschaften, die hinschauen, auch wenn es weh tut.

Spiritual Bypassing im Yoga ist bequem. Es verspricht Leichtigkeit ohne Auseinandersetzung. Ahimsa, Avidya, Brahmacharya und Aparigraha zeigen einen anderen Weg. Sie laden dich ein, Macht zu benennen und Verantwortung dort zu verorten, wo sie hingehört. Das ist anstrengender, aber es ist ehrlich.

Wie nach einem langen Anstieg auf einen Hügel öffnet sich dann ein anderer Blick. Du siehst die Landschaft, wie sie ist: mit Olivenhainen und Schlaglöchern, mit Licht und Schatten. Diese Klarheit ist für mich der Kern einer Praxis, die Praxis und Alltag verbindet.

Wenn du selbst Erfahrungen mit Grenzüberschreitungen in Yogaräumen gemacht hast: Du bist damit nicht allein, und es liegt nicht an dir. Hol dir Unterstützung außerhalb der Gemeinschaft, in der es passiert ist.

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