Es ist 16:42 Uhr, draußen wird es dunkel, und ich stehe mit kalten Händen und nassen Schuhen im Flur. Früher war das der Moment, in dem ich im November innerlich aufgegeben habe. Der Novemberblues ist da. Ich bin ein Sommerkind. Mein Körper liebt lange Abende, nackte Füße und Licht, das bis spät in den Abend reicht. Viele Jahre lang wollte ich den November deshalb einfach hinter mich bringen. Grau, nass, früh dunkel. Ein „No“vember eben.
Irgendwann habe ich angefangen, anders zu fragen. Ich wollte wissen, was der November mir anbietet, statt zu fragen, wie ich ihn überstehe. Meine Antwort darauf ist dieser Text: Du kannst den November schön machen, ohne ihn schönzureden. Es braucht ein Freundschaftsangebot, ein paar warme Rituale und die Erlaubnis, langsamer zu werden.
Ich nehme dich mit auf meinem Weg vom Widerstand zur Annäherung. Du bekommst Rituale für die kurzen Tage, einen Blick in die Yogaphilosophie und eine sanfte Praxis für deine Matte und deinen Alltag.
Warum der November Sommerkindern so schwerfällt
Wenn du wie ich im Sommer aufblühst, fühlt sich der Übergang in die dunkle Jahreszeit oft wie ein Verlust an. Der Abschied beginnt schon früher. Über diesen Moment habe ich in Warum fällt der Abschied vom Sommer manchmal so schwer? ausführlich geschrieben. Im November wird das Loslassen endgültig.
Viel von meinem Widerstand kam aus einem Vergleich: Ich habe den November immer am Juli gemessen. Und gegen einen Sommermorgen am Meer verliert jeder graue Dienstag. Dieser Vergleich hat mir die Sicht auf den Monat verstellt, wie er wirklich ist: eine Zeit des Rückzugs, so wie die Natur sie draußen auch lebt.
Die Bäume kämpfen nicht gegen das Loslassen ihres Herbstlaub an. Sie lassen es im schönsten Moment gehen und sammeln ihre Kraft innen. Diese Haltung bezaubert mich jedes Jahr aufs Neue.
Ein Freundschaftsangebot statt Schönfärberei
Hier ist mir eine Sache wichtig: Du musst den November nicht lieben. Dunkle Nachmittage dürfen dich müde machen. Nieselregen darf nerven. Wer dir erzählt, du müsstest nur positiv denken, macht es sich zu leicht.
Ein Freundschaftsangebot ist bescheiden. Ich sage zum November: Ich kenne dich noch nicht gut, aber ich bin bereit, dich kennenzulernen. Das eröffnet einen Raum, in dem Ablehnung und Neugier nebeneinander stehen dürfen.
Für mich bedeutet das ganz praktisch:
Ehrlich benennen: Was genau fällt mir schwer? Das Licht, die Kälte, das Gefühl von Enge?
Gegenangebote suchen: Was kann nur der November? Kerzenlicht am Nachmittag, Suppe, lange Abende mit Büchern, Waldspaziergänge an milden Tagen.
Erwartungen senken: Ich muss im November nicht so viel schaffen wie im Juni.
Der letzte Punkt hat für mich am meisten verändert.
Rituale, die Wärme in die kurzen Tage bringen
Rituale geben den dunklen Wochen eine Form. Sie sind kleine Inseln, auf die du dich freuen kannst. Diese Ideen tun mir und vielen Menschen in meinen Stunden gut.
In Stille starten: Bevor du morgens zum Handy greifst, nimm dir drei bewusste Atemzüge. Am besten mit einer warmen Tasse in den Händen.
Ein warmes Frühstück: Ein Porridge wärmt von innen und gibt dem Morgen etwas Gemütliches. Mein Rezept findest du im Beitrag über den herbstlichen Porridge mit Ayurveda-Check.
Licht bewusst einsammeln: Geh in der Mittagspause raus, auch wenn es grau ist. Das Tageslicht im November ist knapp, also nutze es, wenn es da ist. Ich nutze außerdem eine Tageslichtlampe und setze mich jeden Tag wie ein kleiner Gecko davor.
Kerzenzeit am Nachmittag: Wenn es um halb fünf dunkel wird, zünde eine Kerze an. So markierst du den Übergang in den Abend ganz bewusst. Bei mir sind es bunte Kerzen, die mir die grauen tage versüßen.
Eine feste Verabredung pro Woche: Mit einer Freundin, einer Yogagruppe oder dir selbst. Verbindung wärmt mehr als jede Heizung. Mein Highlight die letzen Jahre war das Eisbaden mit Freund*innen am Samstagmorgen und danach warm duschen und mit einem Kakao auf die Couch.
Ein Dankbarkeitsmoment am Abend: Schreib einen Satz auf, was heute gut war. Ein Satz reicht völlig.
Im Dunkeln aufstehen leichter machen: Mein Life Hack ist eine Sunset Lampe zusammen mit einer digitalen Zeitschaltuhr. Die geht 10 Minuten vor meinem Wecker an und zu meiner Meditationszeit am Nachmittag. Mir versüßt es das Aufstehen im gelb-goldenen Licht jeden Morgen.
Drei Monate kalte Füße? Neee: Zwei Wärmflaschen und einen Hund im Bett brauche ich, um warm schlafen zu können. Und du? Wenn ich tagsüber kalte Füße habe, mache ich mir ein warmes Fußbad. Danach öle ich meine Füße mit wärmenden Johanniskrautöl ein. Dad braucht 10 Minuten und danach habe ich mehrere Stunden warme Füße. Dieser Tipp stammt aus dem Ayurveda und ist ein Game-Changer für mich.
Du musst nicht alle sechs gleichzeitig ausprobieren. Such dir eins aus, das dich anlächelt.
Runterschalten darf sein: Was die Yogaphilosophie über Pausen weiß
In der Yogaphilosophie gibt es die drei Gunas, drei Qualitäten, die in allem wirken. Rajas meint Bewegung und Antrieb, Sattva Klarheit und Balance, Tamas Schwere, Ruhe und Dunkelheit. Tamas hat oft einen schlechten Ruf, weil es mit Trägheit verbunden wird.
Ich sehe das inzwischen differenzierter. Ohne Tamas gäbe es keinen Schlaf, keine Erholung, keine Regeneration. Der November trägt viel von dieser Qualität in sich. Wenn ich mich dagegen stemme, kostet mich das enorm viel Kraft. Wenn ich sie annehme, wird sie zur Einladung, mich auszuruhen.
Dazu kommt Ahimsa, das Prinzip der Gewaltlosigkeit. Es gilt vor allem gegenüber anderen aber auch dir selbst gegenüber. Sich im November anzutreiben, als wäre Hochsommer, ist eine Form von Härte. Sich das Runterschalten zu erlauben, ist gelebtes Mitgefühl mit sich selbst.
Und schließlich Aparigraha, das Nicht-Festhalten. Ich übe, den Sommer loszulassen, statt ihm hinterherzutrauern. Wie sich dieses Prinzip im Alltag anfühlen kann, beschreibe ich in meinem Text über Aparigraha unterwegs.
Deine sanfte Novemberpraxis auf der Matte und im Alltag
Im Sommer zieht es mich zu dynamischen Flows. Im November verändert sich das. Deine Yogapraxis darf sich der Jahreszeit anpassen, so wie deine Kleidung und dein Essen auch.
Diese Elemente passen für mich besonders gut in die dunkle Zeit:
Yin Yoga: Lange gehaltene Haltungen, die dich nach innen führen und Raum für Stille eröffnen.
Vorbeugen: Sie wirken beruhigend und helfen dir, dich zu sammeln.
Verlängerte Ausatmung: Atme etwas länger aus als ein. Das kann dein Nervensystem beruhigen. Eine Studie in Neuron fand, dass verlängertes Ausatmen die parasympathische Herzaktivität erhöhte, ein möglicher Hinweis auf eine beruhigende Wirkung (Neuron).
Kürzere Einheiten: Zehn Minuten auf der Matte sind mehr wert als eine geplante Stunde, die nie stattfindet.
Falls du Klang magst, ist ein Format wie das Yin Yoga und Sound Bath Special eine schöne Möglichkeit, tiefer einzusteigen. Und wenn dir eher die Motivation fehlt, rauszugehen: Tipps dazu findest du in So bleibst du im Herbst konstant dabei.
Mir hilft ein Gedanke besonders: Die Praxis ist im November weniger Leistung und mehr Fürsorge. Ich komme auf die Matte, um mich zu wärmen, mich zu spüren und mir Ruhe zu gönnen.
Vom „No“vember zum „Yes“ember
Mein November ist nicht plötzlich mein Lieblingsmonat geworden. Ich bin immer noch ein Sommerkind, und die Sehnsucht nach Weite und Meer begleitet mich auch durch die grauen Wochen. Und ja, der Herbst und Winter in Deutschland ist ein großer Grund, warum wir gerade im Van in Südeuropa unterwegs sind. Aber ich habe aufgehört, gegen ihn zu kämpfen. Ich habe ihm ein Freundschaftsangebot gemacht. Seitdem schenkt er mir Wärme, kleine Freuden und Pausen, die ich mir im Sommer selten erlaube.
Den November schön zu machen heißt für mich, freundlich mit ihm und mit mir umzugehen. Ganz ohne Schönfärberei. Magst du es in diesem Jahr auch ausprobieren, Schritt für Schritt, auf deiner Matte und im Alltag?
Zum Schluss ein paar Fragen, die ich gern mit dir teile:
Was genau fällt dir am November schwer und was davon darfst du einfach so stehen lassen?
Wozu könntest du im November ja sagen, um ihn dir schöner zu gestalten?
Welches kleine Ritual könnte in dieser Woche eine warme Insel für dich werden?
Wo treibst du dich gerade an, obwohl dein Körper nach Ruhe fragt?
Was würde sich verändern, wenn du dem November ein Freundschaftsangebot machst?