Die 3 Gunas im Yoga: Balance im Alltag finden

Kennst du diese Tage? An manchen Morgen stehst du so auf, dass du knapp bei der Arbeit oder deiner Ausbildung ankommst, hast morgens schon Zeitdruck und das Gefühl, jede Menge erledigen zu müssen.

An anderen Tagen würdest du die kuschelige Decke am liebsten gar nicht verlassen. Vielleicht drückst du mehrmals auf Snooze, scrollst noch eine Weile durch dein Handy oder fühlst dich einfach schwer.

Und dann gibt es diese Morgen, an denen alles ganz klar wirkt. Du bist wach, konzentriert und zufrieden und freust dich auf den Tag ohne besonderen Grund. Im Yoga gibt es für all diese Zustände ein spannendes Erklärungsmodell: die drei Gunas.

Seit ich mich intensiver mit ihnen beschäftige, beobachte ich meinen Alltag mit anderen Augen. Nicht wertend, sondern neugierig. Denn plötzlich werden Muster sichtbar, bei mir selbst, auf der Yogamatte und auch in meinem Umfeld. Vielleicht geht es dir nach diesem Artikel genauso.

Was sind die Gunas?

Die Gunas stammen aus der indischen Yoga Philosophie und werden unter anderem in der Bhagavad Gita (Kapitel 2) beschrieben. Krishna erklärt Arjuna dort, dass die gesamte materielle Welt aus drei Grundqualitäten besteht:

 – Sattva: Klarheit und Harmonie
 – Rajas: Aktivität und Bewegung
 – Tamas: Schwere und Trägheit

Diese drei Qualitäten wirken ständig zusammen. Nicht nur in uns, sondern überall. Sie zeigen sich in unserer Stimmung, unserem Verhalten, unserer Ernährung, unserem Zuhause, unserer Yogapraxis und sogar darin, wie wir morgens aufstehen. Das Spannende ist: Die Gunas wechseln sich ständig ab und können gleichzeitig wirken. Niemand ist dauerhaft sattvisch, rajasisch oder tamasisch.

Sattva – Klarheit, Ruhe und Weisheit

Sattva steht für Ausgeglichenheit. Wenn Sattva überwiegt, fühlen wir uns klar, freundlich und präsent. Entscheidungen fallen leichter. Wir möchten lernen, verstehen und mit offenem Herzen durchs Leben gehen.

Sattva ist nicht aufregend. Es ist dieses ruhige Gefühl, wenn du nach einer Yogastunde nach Hause gehst und denkst: „Eigentlich ist gerade alles gut.“ Auch Tiere können symbolisch für Sattva stehen, zum Beispiel Kühe oder Rehe, die ruhig und friedlich in ihrer Umgebung leben.

Rajas – Energie und Veränderung

Rajas bringt Bewegung. Ohne Rajas würden wir morgens gar nicht erst aufstehen. Es schenkt uns Motivation, Tatendrang und den Wunsch, Dinge zu erschaffen. Gleichzeitig kann ein Übermaß an Rajas dazu führen, dass wir ständig unterwegs sind, nie richtig abschalten und immer das Gefühl haben, noch mehr leisten zu müssen.

Vielleicht kennst du das: Du trinkst einen Kaffee, wirst produktiv und hast plötzlich Lust auf noch einen. Rajas nährt Rajas. Und am Ende des Tages fühlt man sich wie überrollt von einer riesigen Welle Aktivität. Tiere wie Löwen oder Tiger stehen symbolisch für diese kraftvolle Energie.

Tamas – Ruhe und Schwere

Tamas hat oft einen schlechten Ruf. Dabei brauchen wir auch diese Qualität. Ohne Tamas gäbe es keinen Schlaf, keine Regeneration und keine Erholung. Problematisch wird Tamas erst, wenn es dauerhaft überwiegt. Dann fühlen wir uns antriebslos, schieben Dinge vor uns her oder verlieren den Blick für das Wesentliche.

Ein schönes Beispiel ist der Schlaf. Schlafen ist grundsätzlich tamasisch. Schlafen wir jedoch in einer ruhigen Umgebung, gehen bewusst ins Bett (z. B. mit einem Yoga Nidra) und wachen mit dem Sonnenaufgang erholt auf, dann findet diese tamasische Handlung in einem sattvischen Rahmen statt. Die Gunas treten also selten isoliert auf.

Die Gunas im Alltag erkennen

Seit ich die Gunas kenne, frage ich mich manchmal:

Welche Qualität wirkt gerade in mir?

Zum Beispiel morgens. Freue ich mich auf den Tag? Stehe ich erst in letzter Sekunde auf? Oder würde ich am liebsten einfach weiterschlafen?

Auch auf der Yogamatte verändern sich die Gunas ständig. An manchen Tagen bin ich voller Energie. An anderen fühle ich mich müde. Und manchmal entsteht diese angenehme Mischung aus Ruhe, Konzentration und Leichtigkeit.

Es geht nicht darum, einen Zustand zu verurteilen. Sondern ihn wahrzunehmen und zu wissen: für das Überkommen von Tamas, brauchen wir Rajas. Und für das Überkommen von Tamas brauchen wir Sattva. Ganz praktisch und am Beispiel auf der Yogamatte heißt das: Wenn du dich schläfrig und schwer fühlst, ist eine aktive und fordernde Yogapraxis hilfreich. Wenn du dich voller Ehrgeiz und zum Bäume ausreißen fühlst, versuch es mit einer ruhigeren und konzentrierten aber freudvollen Praxis. Und wenn du dich ruhig und konzentriert fühlst, dann versuche nicht an diesem Zustand anzuhaften. 

Das eigentliche Ziel im Yoga

Yoga möchte uns nicht zu dauerhaft glücklichen oder ständig produktiven Menschen machen. Das Ziel ist ein ganz anderes und viel größer. Wir lernen, die Gunas zu erkennen, ohne uns vollständig mit ihnen zu identifizieren. Statt zu denken: „Ich bin eben ein fauler Mensch.“ könnte der Gedanke lauten: „Im Moment ist viel Tamas da.“ Oder statt: „Ich muss immer beschäftigt sein.“ vielleicht: „Gerade wirkt viel Rajas.“

Diese kleine Veränderung schafft Abstand. Und genau dort beginnt Freiheit. Die klassischen Yogaschriften beschreiben den Weg so: Um aus Tamas herauszukommen, braucht es zunächst Rajas – also Bewegung. Um Rajas zu beruhigen, braucht es Sattva – Klarheit und Balance. Und schließlich lernen wir auch, nicht an Sattva festzuhalten. Denn auch das schönste Gefühl ist vergänglich.

Yoga lädt uns ein, hinter allen drei Qualitäten etwas Tieferes zu entdecken: einen Ort in uns, der unabhängig von Stimmung, Leistung oder äußeren Umständen ruhig bleibt.

Mein Fazit

Die Gunas haben meinen Blick auf mich selbst verändert. Nicht, weil ich jetzt versuche, immer sattvisch zu sein. Sondern weil ich gelernt habe, neugieriger statt strenger mit mir umzugehen. Vielleicht beobachtest du in den nächsten Tagen einfach einmal deinen Morgen. Wie wachst du auf? Welche Qualität ist gerade da? Und was verändert sich, wenn du sie nur wahrnimmst – ohne sie sofort verändern zu wollen?

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