Jivamukti Yoga: Was passiert, wenn du dich einer 95-Minuten-Reise in die Tiefe stellst

Meine erste Jivamukti Klasse war ein Schock. Im besten Sinne. Fünfundneunzig Minuten: Wir chanten, ich schwitzte wie noch nie und verstand kaum was von der Yoga Philosophie. Ich war gleichzeitig begeistert und schon nach den Sonnengrüßen überfordert. Das war das Ziel.

Jivamukti Yoga ist kein sanfter Einstieg. Es ist eine Praxis, die dich körperlich fordert, philosophisch herausfordert und ethisch in die Pflicht nimmt. Wer tiefer in Yoga einsteigen will, auch über Asanas hinaus, findet hier reichen Stoff. Die Praxis verknüpft dynamische Bewegung mit philosophischen Texten und einer klaren ethischen Haltung zu Gewaltlosigkeit und Tierrechten. Und wer bereit ist, auch die Schattenseiten anzuschauen, macht es sich noch ehrlicher.


Was Jivamukti Yoga eigentlich ist

Jivanmukti ist Sanskrit und bedeutet sinngemäß „Befreiung während wir leben“: jiva (die individuelle Seele) und mukti (Befreiung). Dahinter steht also die Idee, dass wir noch in diesem Leben das Gefühl endloser Freiheit erleben können, nicht erst in einem der vielen darauffolgenden Leben.

Der Stil selbst wurde in den 1980er Jahren von Sharon Gannon und David Life in New York entwickelt. Er verbindet dynamische Vinyasa-Sequenzen mit fünf zentralen Säulen: Shastra (Studium der yogischen Schriften), Bhakti (Hingabe), Ahimsa (Gewaltlosigkeit), Nada (Klang) und Dhyana (Meditation). Jede Klasse folgt einer festen Struktur: Es gibt einen Focus of the Month, ein monatliches Thema, das alle zertifizierten Jivamukti-Lehrer:innen weltweit in ihre Stunden integrieren. Das schafft eine ungewöhnliche globale Kohärenz und ein Gefühl des Nach-Hause-Kommens, egal wo man in ein Jivamukti Studio geht. Eine Jivamukti-Klasse in Lissabon klingt im Kern wie eine in Barcelona oder Berlin.

Mantras, Kirtan, Texte aus den Upanishaden, der Gita oder dem Yoga Sutra, all das ist fester Bestandteil, kein optionaler Bonus. Wer sich darauf einlässt, öffnet sich einer Praxis, die Yoga als das behandelt, was es ursprünglich ist: ein Weg zur Befreiung.


Ahimsa als Haltung: Veganismus und Tierrechte im Zentrum

Hier wird es politisch, und das ist gewollt. Ahimsa, Gewaltlosigkeit, ist bei Jivamukti keine abstrakte Philosophie. Sharon Gannon und David Life haben Veganismus und Tierrechte von Anfang an als integralen Teil der Praxis verstanden. Das ist kein Randthema, das man überspringen kann. Es ist Kernaussage.

In Jivamukti-Ausbildungen und -Texten wird regelmäßig auf die Verbindung zwischen Yogapraxis und dem Verzicht auf tierische Produkte hingewiesen. Die Logik: Wer Ahimsa ernst nimmt, kann das Leid von Tieren nicht ausblenden. Das ist konsequent, und für die meisten ein echter Wendepunkt auf ihrem Weg.

Ich finde das stark und kann mich als Person, die seit acht Jahren vegan lebt und seit 22 Jahren vegetarisch stark damit identifizieren. Gleichzeitig fühlen sich manche Menschen von dieser straight-forward Ethik ausgeschlossen oder auch unter Druck gesetzt. Als Schüler*in kannst du aber natürlich trotzdem in alle Klassen gehen, egal was auf deinem Teller landet.

Mehr über Kühe, Yoga und die Kunst des Mitgefühls, habe ich an anderer Stelle aufgeschrieben.


Die physische Praxis: Vinyasa mit Anspruch

Körperlich ist Jivamukti kein Spaziergan