Knapp vier Monate sind wir inzwischen mit unserem Van unterwegs. Vier Monate, in denen wir gelernt haben, dass Van Life gleichzeitig unglaublich schön, manchmal herausfordernd und vor allem ganz anders ist, als ich es mir vorher vorgestellt hatte.
Auf Instagram sieht Van Life natürlich oft ziemlich romantisch aus: Frühstück mit Blick aufs Meer, Sonnenuntergänge vor der Schiebetür, morgens direkt vom Bett aufs Surfbrett und mit dem Fahrrad durch kleine französische Dörfer. Und ja: Das gibt es.
Aber es gibt eben auch Abwasch um 22:30 Uhr mit Stirnlampe, leere Wassertanks, stinkende Toiletten und Tage, an denen man eigentlich überhaupt nichts erleben möchte.
Nach fast vier Monaten haben wir ein paar Dinge gefunden, die unseren Alltag unterwegs leichter und schöner machen. Vielleicht ist ja auch etwas für dich dabei, egal, ob du selbst im Van lebst oder einfach ein bisschen mehr Leichtigkeit in deinen Alltag bringen möchtest.
1. Hallo sagen
Das klingt vielleicht banal, ist für uns aber eine der größten Veränderungen. Wir versuchen, anderen Menschen und besonders unseren Campnachbar*innen immer freundlich „Hallo“ zu sagen. Und wenn sich eine Gelegenheit ergibt, bieten wir gerne unsere Hilfe an. Wir haben schon Werkzeug verliehen, bei Stromproblemen geholfen, besonders liebe Menschen auf einen Kaffee oder Tee eingeladen, lange geschnackt oder Kindern Käsetreats für die Lila-Fütterung zugesteckt.
Es sind oft nur kleine Gesten. Aber sie verändern unglaublich viel. Wenn man mit einem Van unterwegs ist, kann man sich schnell anonym fühlen. Man kommt irgendwo an, steht ein oder zwei Nächte neben anderen Menschen und fährt wieder weiter.
Ein kleines „Bonjour“ macht aus einem anonymen Stellplatz plötzlich einen Ort, an dem Menschen miteinander in Kontakt kommen. Und manchmal entstehen daraus richtig schöne Begegnungen.
2. Wir bleiben länger
Als wir gestartet sind, hatten wir einen ziemlich anderen Plan. Da wir beide an vier Tagen regulär arbeiten und drei Tage am Stück wirklich frei haben, dachten wir: Montag bis Donnerstag bleiben wir irgendwo stehen und am Wochenende fahren wir weiter, erkunden einen neuen Ort und schlafen woanders.
Theoretisch klingt das ziemlich gut. Praktisch haben wir schnell gemerkt, wie viel Energie ein Stellplatzwechsel kostet. Abbauen. Umbauen. Wasser auffüllen. Recherchieren. Einen neuen Platz finden. Vielleicht buchen. Fahren. Ankommen. Wieder einrichten. Und dann beginnt das Ganze von vorne.
Außerdem sind wir nicht dauerhaft in Erkundungslaune. Manchmal möchten wir einfach bleiben. Inzwischen versuchen wir deshalb, mindestens eine Woche an einem Ort zu bleiben, wenn es möglich ist.
Aktuell sind wir in Seignosse in Frankreich und bleiben insgesamt vier Wochen. Davor waren wir vier Wochen auf der Île d’Oléron. Und das fühlt sich für uns gerade sehr viel mehr nach Reisen an als das ständige Weiterziehen.
3. Länger bleiben heißt: sich auskennen
Dieser Punkt schließt direkt an den vorherigen an. Wenn wir länger an einem Ort bleiben, entsteht irgendwann etwas, das sich fast wie Alltag anfühlt.
Wir wissen, wo der nächste Supermarkt ist. Wir wissen, wann Markttag ist. Wir kennen schöne Gassi-Strecken. Wir wissen, wo wir gutes veganes Essen bekommen. Ich finde vielleicht ein Yogastudio. Und irgendwann erkennen wir sogar Menschen wieder.
Das mag auf den ersten Blick nicht besonders aufregend klingen. Für uns ist es aber unglaublich entlastend. Wir können einfach aufs Fahrrad steigen, ohne vorher Google Maps zu öffnen. Wir wissen, wo wir hinmüssen. Und gleichzeitig entdecken wir einen Ort viel intensiver, als wenn wir nur zwei Tage dort verbringen würden.
4. Routinen geben Halt
Van Life bedeutet, dass sich ständig irgendetwas verändert. Wir sind den Temperaturen ausgesetzt (und die waren echt heiß in den letzten Monaten). Wir bekommen Gewitter unmittelbar mit und Lila hat davor nach wie vor große Angst. Es gibt Mücken, manchmal Wasserknappheit und die tägliche Care-Arbeit im Van ist aufwendig.
Und dann ist da natürlich noch die kleine Herausforderung, sich immer wieder neu an einen Ort zu gewöhnen. Deshalb merke ich, wie gut mir feste Routinen tun. Meine Asana-Praxis hat ihre festen Zeiten. Ich meditiere regelmäßig. Wir versuchen, ungefähr zu den gleichen Zeiten schlafen zu gehen und unser Morgen beginnt meistens mit der Gassi-Runde mit Lila und anschließendem Kaffee oder Matcha.
Diese Dinge verändern sich nicht ständig. Und genau deshalb geben sie Sicherheit. Vielleicht brauchen wir Routinen gerade dann besonders, wenn um uns herum viel in Bewegung ist.
5. Freundschaften bewusst pflegen
Ich vermisse meine Freund*innen und meine Familie. Das gehört für mich definitiv zu den schwierigeren Seiten des Reisens. Deshalb versuche ich, bewusst in Kontakt zu bleiben.
Manchmal über Sprachnachrichten, manchmal über Textnachrichten oder Videonachrichten, manchmal telefoniere ich oder mache einen Videoanruf.
Und ich habe angefangen, Postkarten zu verschicken. Ich liebe diesen kleinen analogen Moment: Eine Karte aussuchen, ein paar persönliche Worte schreiben und mir vorzustellen, wie sie irgendwann bei einem Menschen ankommt, den ich vermisse. Es ersetzt natürlich keine Umarmung. Aber es schafft Nähe.
6. „Das war gut“
Jedes Mal, wenn wir einen Ort verlassen, spielen wir ein kleines Spiel. Es heißt: Das war gut. Wir erzählen uns abwechselnd, was an diesem Ort schön war. Welche Begegnungen wir hatten. Welche kleinen Momente wir wahrscheinlich nicht vergessen werden. Welche Marmeladenglasmomente wir mitnehmen.
Das klingt vielleicht ein bisschen kitschig. Aber ich liebe es. Denn so verlassen wir einen Ort nicht mit dem Gefühl: „Jetzt ist es vorbei“, sondern mit dem Gefühl: „Wie schön, dass wir das erleben durften.“
Als wir das Spiel zuletzt gespielt haben, hat sich übrigens prompt ein pensionierter Franzose namens Jaque bei uns vorgestellt. Er hatte früher sogar einmal in einem Ashram gelebt. Wir haben zusammen Kaffee getrunken und Telefonnummern ausgetauscht. Manchmal passieren die schönsten Dinge eben genau dann, wenn man eigentlich gerade Abschied nimmt.
7. Es ist okay, nichts erleben zu wollen
Wir könnten hier jeden Tag surfen, Rad fahren, skaten, schwimmen, Kaffee trinken oder neue Orte entdecken. Und manchmal machen wir das auch. Aber wenn wir ehrlich sind, sind wir manchmal einfach müde.
Dann wollen wir nichts erleben. Keine neue Stadt sehen. Keinen Sonnenuntergang suchen. Keine Sehenswürdigkeit abhaken. Einfach nur sein.
Zum Glück haben wir zwei Hängematten dabei. Sie ersetzen unsere Couch und sind mittlerweile zu einem ziemlich wichtigen Teil unseres Vans geworden.
Manchmal liegen wir dort einfach. Lesen. Dösen. Reden. Hörbuch hören. Meditieren. Yoga Nidra machen. Oder machen überhaupt nichts. Und ich glaube, auch das gehört zum Reisen dazu. Wir müssen nicht jede Minute unserer Reise maximal auskosten.
8. Unangenehme Dinge mit etwas Schönem verbinden
Es gibt Dinge am Van Life, auf die ich wirklich verzichten könnte. Zum Beispiel Abwaschen. Erst Wasser holen und schleppen. Dann um 22:30 Uhr mit Stirnlampe irgendwo auf dem Boden sitzen und spülen. Oder Toiletten, die man lieber nicht zu genau anschauen möchte.
Wenn ich etwas machen muss, das ich unangenehm oder anstrengend finde, versuche ich inzwischen, es mit etwas Schönem zu verbinden. Dann läuft mein Lieblingshörbuch. Aktuell höre ich Allegro Pastell – danke an Paula für den Tipp. Oder ich höre meinen Lieblingspodcast Drinnies. Oder ich mache meine aktuelle Yoga-Playlist an.
Der Abwasch wird dadurch nicht plötzlich zu meinem Lieblingshobby. Aber er wird leichter. Und vielleicht ist das auch eine kleine Lektion für den normalen Alltag: Wir können nicht alles Angenehme und Unangenehme voneinander trennen. Aber manchmal können wir einem ungeliebten Moment etwas hinzufügen, das uns Freude macht.
9. Ich habe ganz neue Dankbarkeit gelernt
Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal so dankbar für eine saubere Toilette sein würde. Oder für eine Dusche, bei der das Wasser einfach läuft. Für eine Geschirrspülmaschine. Für Türen, die man schließen kann. Für eine Couch. Für einen ebenen, sauberen Boden.
Letzteres ist übrigens nicht nur philosophisch gemeint. Ich habe mir tatsächlich Löcher in meine Yogamatte gemacht, weil ich Jumpbacks auf einem unebenen Steinboden geübt habe.
Man lernt die kleinen Annehmlichkeiten des Alltags plötzlich ganz anders zu schätzen, wenn sie nicht mehr selbstverständlich sind. Und vielleicht nehme ich genau das am Ende unserer Reise mit zurück: Dankbarkeit für Dinge, über die ich vorher überhaupt nicht nachgedacht habe.
10. Meine Online-Yogaklassen bedeuten mir unglaublich viel
Und dieser Punkt ist für mich wahrscheinlich der wichtigste. Ihr wisst gar nicht, wie viel mir unsere Online-Yogaklassen bedeuten. Diese festen Termine in der Woche sind für mich unterwegs ein Stück Zuhause. Ich sehe eure Gesichter auf dem Bildschirm, höre eure Stimmen und weiß: Wir treffen uns heute wieder auf der Matte.
Und vielleicht ist das gerade deshalb so besonders, weil sich um mich herum ständig etwas verändert. Ich kann euch aktuell keine Hands-on Assists mehr geben. Dafür versuche ich, euch auf andere Weise zu begleiten: mit Inspiration, Impulsen und kleinen Dingen, die euch im Alltag Halt geben können.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich Online Yoga inzwischen so sehr liebe. Yoga braucht keinen festen Raum. Wir können gemeinsam praktizieren, obwohl wir uns an völlig unterschiedlichen Orten befinden. Ihr vielleicht in eurem Wohnzimmer. Ich vielleicht irgendwo in Frankreich. Und trotzdem sind wir für diese eine Stunde gemeinsam da. Das empfinde ich wirklich als Geschenk.
Van Life ist nicht immer Postkartenromantik
Van Life klingt oft nach Freiheit. Und das ist es auch. Es gibt diese unglaublichen Momente: morgens die Tür zu öffnen und das Meer zu sehen, mit Lila durch fremde Landschaften zu laufen, neue Menschen kennenzulernen und einfach losfahren zu können.
Aber Van Life hat genauso seine Herausforderungen wie das Leben an einem festen Ort. Nur sehen die Herausforderungen manchmal anders aus.
Es gibt Tage, an denen wir uns fragen, warum wir eigentlich freiwillig so kompliziert leben. Und dann gibt es wieder einen Morgen, an dem wir mit unserem Kaffee vor dem Van sitzen, Lila neben uns liegt, die Sonne scheint und wir uns anschauen und denken: Ja. Genau deshalb. Vielleicht ist das für mich das größte Learning nach vier Monaten Van Life:
Ein schönes Leben bedeutet nicht, dass immer alles schön ist. Es bedeutet vielleicht vielmehr, dass wir lernen, auch in den unbequemen, müden, chaotischen und ganz normalen Momenten etwas Schönes zu finden.
Und manchmal reicht dafür schon ein freundliches „Hallo“, eine Tasse Kaffee, eine Hängematte – oder eine Stunde Yoga gemeinsam mit euch.