Im Frühjahr 2020, drei Monate nach Lilas Ankunft, saß ich erschöpft und weinend auf dem Boden. Sie lag ruhig neben mir. Ich hatte versucht, sie in meinen Lebensentwurf einzugliedern, sie an mich und die große Stadt zu gewöhnen und zu erziehen. Und ich hatte das Gefühl: Ich mache alles falsch. Das war der Moment, in dem ich aufgehört habe, einen Plan zu haben, weil der Plan nicht funktionierte.
Ich hatte mir das anders vorgestellt. Einen Hund, der sich meinem Alltag anpasst, mit dem ich Bus und Bahn fahren kann. Der das Tempo meines Lebens spiegelt, oder zumindest nicht dagegen arbeitet.
Lila war das Gegenteil davon. Lila war ängstlich, eingeschüchtert und ständig im Fight oder Flight Modus – ein Nervensystem im chronischen Alarmzustand. Sie blockierte auf Straßenübergängen, zitterte bei Gewitter, bekam Panikattacken beim Autofahren. Sie brauchte mehr Geduld als ich je gedacht hätte aufbringen zu können. Und genau deshalb wurde sie zur präzisesten Lehrerin, die mir je begegnet ist.
Der Hund, den ich mir gewünscht hatte, bekam ich nicht
Es gibt dieses Bild vom Hund, das viele von uns im Kopf haben, bevor wir einen bekommen: ein treues, unkompliziertes Wesen. Immer froh, immer dabei, immer bereit. Das Gegenbild zu allem Komplexen im Leben. Und genau das war meine erste Hündin Kira, eine blonde Labradorhündin, für mich.
Lila kam nach Kiras Ableben und mit einer ganz eigenen Geschichte zu mir, die sich auf neurobiologischer Ebene manifestierte: mit Ängsten, mit einem Nervensystem, das auf Dauerstress kalibriert war, mit prägenden Erfahrungen, die sich nicht einfach „wegleben“ ließen. Zum Hintergrund: Lila wurde als Welpe in Rumänien ohne Mutter gefunden und kam mit sieben Monaten, nach Aufenthalt in einem Shelter, zu mir nach Berlin. Ich hoffte auf einen Schalter, den man einfach umlegen konnte. Ein Problem, das sich mit genug bedingungsloser Liebe einfach auflöste. Aber Lila war und ist komplex – und das ist ihr Geschenk. Und so lernte ich mehr und mehr über abhinivesha, der grundlegenden Angst in der Yoga Philosophie, die uns mal mehr mal weniger begleitet. Die Ängste bei Lila zu beobachten, machte es mir leichter zu verstehen, wie Ängste auch in mir wirken.
Geduld ist kein Zustand, sie ist eine täglich erneuerte Entscheidung
Geduld lernen durch einen Hund bedeutet nicht, dass der Hund dir beibringt, still zu sitzen. Er zeigt dir täglich, wie illusorisch deine Kontrolle ist, und dass du trotzdem – immer wieder – die Wahl hast geduldig weiterzumachen.
Mit Lila habe ich gelernt, was Geduld wirklich ist: keine passive Tugend, keine bloße Abwesenheit von Ungeduld, sondern eine aktive, wiederholte Entscheidung, in einem Moment zu verweilen, der unbequem ist. Immer wieder. Ohne Garantie auf Fortschritt oder Auflösung.
Das ist auch das, was mich Yoga auf der Matte lehrt, nur irgendwie strukturierter und in einem festen Rahmen. Mit Lila gab es diese Kontrolle nicht. Keine Garantie für Spaziergänge, die nicht abgebrochen werden müssen, keine Möglichkeit die äußeren Einflüsse wie Knallen, Tütengespenster oder einfach Männer mit Hut, zu kontrollieren.
In der Yogaphilosophie gibt es das Konzept von Tapas: innere Hitze, Ausdauer, Disziplin, die bewusste Bereitschaft, Unbehagen auszuhalten, nicht als Selbstquälerei, sondern als kontinuierliche Präsenz trotz Widerstand. Lila hat mir Tapas beigebracht, ohne dass ich je das Wort in diesem Zusammenhang formuliert hätte. Sie lehrte mich, trotz meinen Befürchtungen und Ängsten, dran zu bleiben und an einen gemeinsamen, entspannten Alltag mit ihr zu glauben.
Reizarmut als therapeutische Praxis — was Lila brauchte, hat auch mir gut getan
Irgendwann empfahl mir eine auf Angststörungen spezialisierte Hundetrainerin, Lilas Reize Alltag runterzufahren: weniger soziale Begegnungen, weniger auditive und sensorische Reize, regelmäßigere Regenerationspausen, kein überladener Terminkalender mit langen Spaziergängen und Trainingseinheiten. Einfach weniger Input, mehr Puffer.
Das traf mich unerwartet hart, weil ich erkannte, wie sehr mein eigener Alltag das Gegenprinzip verkörperte. Wie ich mir selbst dabei zusah, ständig erreichbar, ständig produktiv, in permanenter Aktivität zu funktionieren, als wäre Stillstand gleichbedeutend mit Versagen.
Ich fing an, Lilas Bedürfnis nach Reizreduktion als philosophische Einladung zu lesen. Wir gingen dann raus, wann sie wollte, wohin sie wollte und (so kurz) wie sie wollte. Wir saßen öfter einfach zusammen und gucken rum, ohne Ziel. Ich lernte, Ruhe als aktive Regeneration zu verstehen, eine notwendige Systemfunktion, nicht ein Luxus. Nachdem es gewittert hat, kann es schon mal sein, dass Lila einen halben Tag gar nicht rausmöchte. Und dann bin ich für sie da und es ist eben so.
Das klingt simpel. Es war es nicht. Für jemanden, dessen Selbstwertgefühl sich aus Produktivität speist, ist mit dem Hund auf dem Sofa sitzen und nichts tun eine Übung mit großem psychologischem Widerstand. Lila machte diesen inneren Widerstand sichtbar und spiegelte meine eigene innere Unruhe.
Wann Geduld und Reizarmut allein nicht reichen — die Grenzen selbst erkennen
Hier muss ich ehrlich sein: Geduld und Reizarmut sind mächtige Werkzeuge, aber sie sind keine Wundermittel. Sie können nicht alles lösen.
Lila brauchte nicht nur weniger Reize. Sie brauchte eine professionelle Hundetrainerin (wenn du Empfehlungen für Lüneburg und Berlin suchst, schreib mir). Ich lernte dadurch nicht gegen Lilas Angst zu arbeiten, sondern sie zu verstehen und insbesondere ihre Körpersprache besser lesen zu können. Rückblickend erfüllt es mich manchmal noch mit Scham, dass ich sie teilweise so fehl verstanden habe. Kurzum: wenn sie Angst hat, kann sie ihr Erlerntes nicht einfach abrufen. Sie kann in diesen Momenten nicht anders, als zum Beispiel einzufrieren und das macht sie weder, um mich zu ärgern, noch hat sie eine andere Wahl in dieser Situation. Inzwischen empfinde ich tiefes Mitgefühl und Schmerz wenn ich andere Hunde sehe, die einfach weitergezogen werden und ihre Bezugsperson gegen sie arbeitet. 🥺
Die Geduld, die ich für Lila aufbrachte, schuf einen sicheren Rahmen und stärkte unser Vertrauen aber ohne fachliche, systematische Intervention hätte sie nicht die Fortschritte gemacht, die sie gemacht hat. Es gibt Verhaltensweisen, Traumata und neurobiologische Stressreaktionen, die sich nicht durch bedingungsloses Präsentsein auflösen, sie erfordern konkrete, wissenschaftlich fundierte Techniken.
Ähnlich verhält es sich oft bei uns selbst: Wenn Angststörungen, chronische Überreizung oder Burnout die Struktur bestimmen, reicht es nicht, einfach Pausen in einen vollen Kalender zu schieben. Manchmal braucht es psychotherapeutische Unterstützung (been there), ärztliche Diagnostik oder grundlegende Lebensumstellung, die Achtsamkeit allein nicht herbeiführen kann.
Das zu erkennen ist nicht ein Versagen, es ist Teil der Praxis selbst. Svadhyaya, das Studium des Selbst, geht auch darum. Geduld mit sich selbst bedeutet auch, die Schwelle zu sehen, an der Selbstoptimierung und innere Arbeit ihre Grenzen erreichen, und das Vertrauen zu haben, professionelle Hilfe zu holen.
Bedingungsloses Dasein, und warum das nichts mit Perfektion zu tun hat
Es gibt diesen Satz über Hunde, der meistens süß klingt: dass sie bedingungslos lieben. Ich glaube, das trifft es nicht ganz. Was Lila mir gezeigt hat, ist anders: bedingungsloses Dasein.
Sie ist da. Nicht weil ich einen guten Tag hatte. Nicht weil ich so viel geschafft habe. Nicht weil ich alles richtig mache. Sie ist einfach da, eine (meistens) stille, kontinuierliche Gegenwart ohne Bewertung.
Das hat mich in einer guten Weise beschämt, weil ich sah, wie viel ich selbst an Bedingungen knüpfe: an meine eigene Leistung, an die Reaktion anderer, an Situationen, die meinen Erwartungen entsprechen. Wie selten ich doch präsent bin, ohne Bewertung, ohne Erwartung, ohne versteckte Agenda. Lila hat mir gezeigt, wie bedingungsloses Dasein aussieht: täglich, ohne Worte, ohne Gewähr auf Besserung.
Wenn dich Aparigraha und das Loslassen von Erwartungen interessiert, findest du dort etwas Verwandtes: der Versuch, weniger festzuhalten (an Bildern, an Plänen, an dem Hund, den man sich vorgestellt hatte).
Was bleibt, wenn man aufhört zu wollen, dass es anders ist
Lila ist das Wesen, was ich abgrundtief liebe. Und ja, sie bellt (das tun Hunde halt), sie ist oft überfordert (wer kennt das nicht?) und obwohl sie seeeehr vorsichtig ist, nimmt sie manchmal ihren ganzen Mut zusammen und geht ganz langsam über diese unbekannte Brücke.
Und ich bin eine andere Person als vor ihr.
Ruhiger? Nicht unbedingt, ich bin einfach weniger mit mir selbst in Streit. Erleuchteter? Auf keinen Fall. Aber geduldiger im präzisen Sinne: besser darin, mit dem zu sein, was ist, statt mit dem, was sein sollte. Besser darin, Pausen nicht als Effizienzloch zu sehen. Besser darin, meine eigenen Erwartungen zu erkennen, bevor sie mich regieren. Und auch besser darin, zu akzeptieren, wenn ich Hilfe brauche, äußerliche und innere.
Das ist keine Transformation mit Abschluss. Das ist eine Praxis, genau wie Yoga kein Ziel ist, das man irgendwann erreicht, sondern ein Weg, auf dem man immer wieder anfängt.
Wenn du das kennst – dieses Gefühl, dass deine Praxis auf der Matte und dein eigentliches Leben noch nicht ganz zusammengewachsen sind – dann weißt du vielleicht, wovon ich spreche. Manchmal braucht es keinen Retreat und keine:n Lehrer:in. Manchmal reicht eine Hündin, die einfach da ist und wartet, bis du aufhörst zu rennen.
Lila hat nicht darauf gewartet, dass ich besser werde. Sie hat einfach weiter neben mir gesessen. Das ist alles. Und das ist genug. Dafür werde ich ihr für immer dankbar sein und ihr dafür gleich ein Stückchen Parmesan und ein Küsschen geben.