Ich reise mit einer Zungenbürste. Immer. Sie liegt zwischen Zahnpasta und Zahnpasta, und wer mein Mini Badezimmer im Van kennt, weiß: Was dort einen festen Platz hat, ist mir wirklich wichtig. Kriyas sind für mich genau das: keine extravaganten Rituale aus einem Lehrbuch, sondern stille Begleiter, die meinen Tag anders starten lassen.
Aber was steckt eigentlich dahinter? Und warum beschäftigt sich eine jahrtausendealte Yogatradition so ausführlich damit, wie wir uns reinigen?
Avidya: Die verschmierte Scheibe
Die Yogaphilosophie kennt Avidya – oft übersetzt als „Unwissenheit“ oder „Nichtwissen“. Gemeint ist damit keine Dummheit oder Rumgeschwurbel, sondern eine Art Schleier über der Wahrnehmung. Wir sehen die Welt durch eine Scheibe, auf der sich unsere Erfahrungen, Konditionierungen und Gewohnheiten abgelagert haben. Yoga und damit auch Kriyas, yogische Reinigungstechniken, arbeiten genau dort: Sie putzen die Scheibe.
Wer sich mit den ethischen Geboten des Yogas auskennt, den Niyamas, kennt auch Saucha. Saucha ist die Reinheit unserer Umgebung, unseres Geistes, aber auch unseres Körpers. Und hier setzen die Kriyas an. Die Hatha Yoga Pradipika, einer der zentralen Texte des Yoga, beschreibt sechs Reinigungsgruppen, die sogenannten Shatkaram Kriyas. Sie bilden die Grundlage für das, was heute in modernen Yogastunden manchmal als Morgenroutine auftaucht.
Manche dieser Techniken sind alltagstauglich und wunderbar zugänglich. Andere sind historisch interessant und für den modernen Alltag eher nichts. Dazu gleich mehr.
Kapalabhati: Der leuchtende Schädel
Kapalabhati bedeutet wörtlich „Schädelleuchten“ (kapala für Schädel, bhati für Leuchten). Das Bild gefällt mir: leuchtend von innen wie ein Kronleuchter.
Die Technik ist eine aktive Atemübung, bei der du kräftig und rhythmisch ausatmest, der Bauch zieht sich dabei aktiv zusammen, und die Einatmung erfolgt passiv. Die Bewegung ähnelt einem schnellen Ausblasen von Kerzen: In schneller Folge, mit kräftigen Stößen, fokussierst du dich auf das Ausatmen.
Das Ergebnis ist spürbar. Manchmal gibt es ein leichtes Prickeln hinter der Stirn oder im ganzen Körper. Kapalabhati reinigt die Atemwege, aktiviert das Zwerchfell und macht wach. In manchen Traditionen wird es als Pranayama eingeordnet, in anderen als Kriya.
Wichtig: Bei Menstruation, Schwangerschaft, Bluthochdruck oder Herzerkrankungen bitte vorher mit einer erfahrenen Lehrperson sprechen. Kapalabhati ist kräftig, und kräftige Techniken brauchen einen sicheren Rahmen.
In meinen Kursen erlebe ich immer wieder, wie Kapalabhati die Teilnehmenden von der stressigen Arbeitswoche auf ihrer Matte verankert.
Jala Neti: Wasser durch die Nase, Klarheit im Kopf
Jala Neti ist die Nasenpülung mit Salzwasser, und vielleicht die Technik, bei der ich am häufigsten skeptische Blicke ernte, bevor jemand sie ausprobiert hat. Danach: fast immer Begeisterung.
Mit einer speziellen Kanne (Neti-Kanne) wird lauwarmes Salzwasser durch ein Nasenloch geführt und läuft durch die Nasenpassagen auf der anderen Seite wieder heraus. Klingt seltsam. Fühlt sich beim ersten Mal tatsächlich seltsam an. Aber die Wirkung, besonders in der Erkältungssaison oder bei Pollenflug, ist bemerkenswert.
Die Nasenpassagen werden gereinigt, die Schleimhäute befeuchtet, die Atmung freier. In der Tradition gilt Jala Neti als Vorbereitung für tiefere Atemübungen. Besonders bei regelmäßiger Übung von Kapalabhat ist eine Nasendusche zu empfehlen. Wer im Alltag durch die Nase atmet, atmet besser. Wer besser atmet, bekommt mehr Sauerstoffzufuhr und fühlt sich frischer.
Für Einsteiger:innen empfehle ich: Hol dir eine gute Anleitung, am besten mit einer erfahrenen Lehrperson. Die richtige Kopfhaltung und die Salzkonzentration (körperwarmes, isotonisches Wasser) machen den entscheidenden Unterschied. Und bitte: immer hygienisch aufbereitetes Wasser verwenden. Außerdem ist bei niedrigen Außentemperaturen Vorsicht geboten, so kann man sich auch mal eine Nasennebenhöhlenentzündung zuziehen.
Zungenreinigung und Dhauti: Was wir täglich tun können – und was wir lassen
Kommen wir zur Zungenbürste in meinem Kulturbeutel. Dhauti, die Zungenreinigung, ist eine der zugänglichsten Kriyas überhaupt. Morgens, bevor du etwas trinkst oder isst, streichst du mit einem Zungenschaber oder einer weichen Bürste über die Zunge. Das entfernt den Belag, der sich über Nacht gebildet hat, und stimuliert gleichzeitig Reflexzonen.
Ayurvedisch betrachtet ist dieser Belag ein Hinweis auf den Zustand der Verdauung. Yogisch betrachtet beginnt Reinigung morgens, bevor der Tag beginnt, bevor die erste Tasse Kaffee, bevor das erste Wort gesprochen wird. In Stille starten hat für mich viel damit zu tun.
Dann gibt es die Dhauti-Techniken im weiteren Sinne, und hier wird es historisch bunt. Die Hatha Yoga Pradipika beschreibt unter anderem das Schlucken und Wiederherausziehen eines langen Stoffstreifens zur Reinigung des Magens. Das ist etwas für erfahrene Praktizierende unter direkter Anleitung, und für die meisten von uns im Alltag schlicht nicht relevant. Ich habe es noch nie geübt und erwähne es der Vollständigkeit halber und mit einem freundlichen Augenzwinkern. Die Tradition ist reich. Nicht alles davon gehört auf deinen Badezimmerspiegel.
Was gehört dahin: Zungenschaber. Neti-Kanne. Kapalabhati am Morgen. Das reicht für den Anfang.
Kriyas im Alltag: Klein anfangen, tief wirken lassen
Einen Satz, den ich öfter über Kriyas gehört habe, war von einer Teilnehmerin nach einem Workshop: „Ich mache einige der Dinge bereits und wusste nicht, dass das auch Yoga ist. Jetzt ergänze ich noch 1-2 neue Methoden.“
Genau das ist es. Kriyas verbinden Praxis und Alltag auf eine Weise, die keine Matte und keine bestimmte Uhrzeit braucht. Sie sind der Übergang zwischen Schlafen und Wachsein, zwischen dem alten Tag und dem neuen. Und sie erinnern uns daran, dass ganzheitliche Praxis nicht an der Studiostür beginnt.
Ein möglicher Einstieg für dich:
Starte morgens mit der Zungenreinigung – vor dem ersten Schluck Wasser.
Setz dich für drei Minuten hin und praktiziere Kapalabhati (3x Runden, dann in Stille nachspüren).
Probiere Jala Neti einmal pro Woche – besonders in der Erkältungszeit.
Das ist kein Programm, das du perfekt umsetzen musst. Es ist eine Einladung. Manches wird sich sofort richtig anfühlen. Anderes brauchst du vielleicht gar nicht. Deine Praxis, dein Weg.
Ein Workshop, wenn du mehr erkunden möchtest
Wenn du Kriyas lieber nicht alleine ausprobierst, oder wenn du einfach neugierig bist was die anderen drei Shatkaram Kriyas sind und wie sich das alles alltagstauglich umsetzen lässt, dann teile ich das gerne mit dir.
Ich plane für Januar 2028 einen Online Kriya-Workshop, in dem wir gemeinsam diese Techniken erkunden: praktisch, philosophisch, mit Raum für Fragen und mit dem nötigen Humor für alles, was die Tradition an Überraschendem bereithält. Melde dich jetzt für meinen Newsletter an, um als Erste:r davon zu erfahren.
Bis dahin: Hol dir einen Zungenschaber. Fang dort an. Der leuchtende Schädel kommt von selbst.
Quellen
Hatha Yoga Pradipika – klassischer Yoga Philosophie Text, Grundlage der Shatkarma-Beschreibungen. Die englische Originalübersetzung (Sanskrit und Englisch) ist beim Internet Archive verfügbar.