Es gibt Orte, an denen wir sofort tiefer atmen. Noch bevor wir bewusst wahrnehmen, was sich verändert hat, fühlt sich unser Körper anders an. Die Schultern sinken ein Stück nach unten, der Atem wird ruhiger.
Vielleicht kennst du das auch. Du sitzt am Strand und dein Blick wandert automatisch zum Horizont. Es gibt nichts zu tun. Nichts zu erreichen. Nur den Horizont. Dieser weite Blick verändert etwas in uns. Probleme wirken plötzlich kleiner, Gedanken ordnen sich neu und wir bekommen wieder das Gefühl von Weite.
Genau hier beginnt meine Sehnsucht nach dem Meer. Nach salziger Luft auf der Haut, dem Wind im Gesicht und dem gleichmäßigen Rauschen der Wellen. Seit wir mit unserem Van durch Europa reisen und nach einem Ort suchen, an dem wir eines Tages leben möchten, frage ich mich immer wieder, warum uns das Meer so tief berührt. Ist es einfach nur schön? Oder steckt mehr dahinter?
Mir ist aufgefallen, dass sich in meinen Yogaklassen erstaunlich viele Menschen wiederfinden, die eine besondere Verbindung zum Wasser haben. Da sind Taucher:innen, Surfer:innen, Schwimmer:innen, Menschen, die Eisbaden oder einfach jede Gelegenheit nutzen, ans Meer zu fahren. Vielleicht ziehen wir tatsächlich Menschen an, deren Sehnsüchte unseren eigenen ähneln.
Wir bestehen aus Wasser
Die Suche nach Antworten zur Sehnsucht nach dem Meer beginnt in unserem eigenen Körper. Etwa 60 Prozent unseres Körpers bestehen aus Wasser. Auch unsere Erde ist zu rund 70 Prozent von Wasser bedeckt. Ohne Nahrung können wir mehrere Wochen überleben, ohne Wasser dagegen nur wenige Tage. Wasser ist für uns nicht nur lebensnotwendig. Es ist Leben.
Vielleicht überrascht es deshalb nicht, dass wir uns oft zu Orten hingezogen fühlen, an denen Wasser allgegenwärtig ist.
Was das Meer mit unserem Nervensystem macht
Dass wir uns am Meer häufig ruhiger fühlen, ist nicht nur ein subjektiver Eindruck. Studien zeigen, dass der Aufenthalt am Wasser den Cortisolspiegel, unser wichtigstes Stresshormon, senken kann. Gleichzeitig verlangsamen sich Atem und Herzschlag und unser parasympathisches Nervensystem wird aktiviert. Dieser Teil unseres Nervensystems ist für Erholung, Regeneration und Entspannung zuständig und wird auch auf der Yogamatte aktiviert.
Auch das gleichmäßige Rauschen der Wellen spielt dabei eine Rolle. Sein rhythmischer Klang kann Gehirnwellen fördern, die mit Ruhe, Konzentration und emotionaler Ausgeglichenheit verbunden sind. Hinzu kommt die salzhaltige Meeresluft: Sie enthält negativ geladene Ionen, die vermutlich zur Serotoninbildung beitragen und dadurch unsere Stimmung positiv beeinflussen können. Vielleicht fühlt sich das Meer deshalb für viele Menschen nicht wie ein Urlaubsort an, sondern wie ein Ort des Nachhausekommens.
Der Ozean in unserer Yogapraxis
Interessanterweise tragen wir den Klang des Meeres sogar in unserer Yogapraxis. Vielleicht hast du schon einmal den Begriff Ujjayi Pranayama gehört, den sogenannten ozeanischen Atem.
Durch ein sanftes Verengen der Stimmritze entsteht beim Ein- und Ausatmen ein sanftes Rauschen. Es erinnert an Wellen, die ruhig und gleichmäßig an einen Strand rollen. Dieser Atem hilft uns, unsere Aufmerksamkeit nach innen zu lenken. Der Geist findet einen Anker im gegenwärtigen Moment, das Nervensystem beruhigt sich und wir verbinden uns mit einem Rhythmus, der uns an die Beständigkeit der Natur erinnert. Jedes Mal, wenn ich Ujjayi praktiziere, denke ich ein kleines bisschen ans Meer.
Der Tropfen und der Ozean
In der Yoga-Philosophie begegnet uns das Meer noch auf einer anderen Ebene. Dort steht der Ozean häufig als Sinnbild für das universelle Bewusstsein, für Brahman. Wir selbst gleichen einem Wassertropfen. Solange wir uns nur als Tropfen betrachten, fühlen wir uns getrennt: von anderen Menschen, von der Natur und auch von uns selbst. Wir kennen das vielleicht auch als Gefühl, im Alltag „unterzugehen“ zwischen all den To Dos, Herausforderungen und Zeitdruck. Doch ein Tropfen besteht aus demselben Wasser wie der Ozean. Wenn er ins Meer zurückkehrt, verliert er nichts von seinem Wesen. Er erkennt vielmehr, dass er nie wirklich getrennt war. Für mich beschreibt dieses Bild sehr poetisch den Zustand, den Yoga meint: das Erleben von Einheit.
Schon in den ältesten Schriften Indiens spielt Wasser eine besondere Rolle. In der Rigveda gilt Wasser als Ursprung allen Lebens und zugleich als reinigende und heilende Kraft. Auch die Göttin Saraswati, die Göttin der Weisheit, der Künste und des Wissens, ist eng mit Flüssen und Wasser verbunden. Sie erinnert daran, dass Wasser nicht nur den Körper nährt, sondern auch Geist und Herz.
Vielleicht suchen wir gar nicht das Meer
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass wir uns nicht nur nach einem Ort sehnen. Vielleicht sehnen wir uns nach einem Zustand. Nach Ruhe. Nach Weite. Nach Verbindung. Nach einem Atem, der wieder frei fließen darf.
Vielleicht erinnert uns das Meer einfach daran, wer wir sind, wenn der Lärm des Alltags für einen Moment leiser wird. Und genau deshalb zieht es mich immer wieder dorthin. Nicht, um dem Leben zu entfliehen. Sondern um mich wieder mit ihm zu verbinden.