Es gibt Menschen, die sammeln Kristalle, andere lieben Berge oder das Meer.
Und dann gibt es mich. Ich liebe Kühe.
Vielleicht ist das der Grund, warum mein einziges Tattoo eine Kuh ist. Viel eher ist es aber andersherum und die Kuh hat mich schon lange gefunden, bevor sie ihren Weg auf meine Haut gefunden hat.
Denn Kühe begleiten meinen Yogaweg auf die eine oder andere Weise schon seit vielen Jahren. Sie verkörpern für mich Mitgefühl und Weisheit.
Kühe in der Yogaphilosophie
Wer die Autobiografie eines Yogi von Paramahansa Yogananda (an dieser Stelle eine große Empfehlung – es ist eines meiner Lieblingsbücher) gelesen hat, erinnert sich vielleicht an eine kleine Passage über Kühe.
In Indien gelten Kühe seit vorvedischer Zeit als heilige Wesen. Bis heute leben dort weltweit die meisten Vegetarier*innen. Für viele Menschen ist die Kuh ein Symbol für Fürsorge, Großzügigkeit und Mitgefühl.
Yogananda beschreibt, dass Kühe den Menschen dabei helfen können, Mitgefühl für alle Lebewesen zu entwickeln – insbesondere für jene, die häufig als weniger wichtig angesehen werden.
Je länger ich Yoga praktiziere, desto mehr verstehe ich, was damit gemeint ist.
Auch sprachlich begegnen uns Kühe im Yoga immer wieder. Die Asana Gomukhasana wird oft als „Kuhgesicht“ übersetzt. Das Wort go bedeutet Kuh, kann aber auch Lebewesen oder Sein bedeuten. Mukha bedeutet Gesicht.
Vielleicht erinnert uns diese Haltung daran, dem Leben und den Lebewesen um uns herum mit einem offenen Blick zu begegnen.
Eine Begegnung aus meiner Kindheit
Eine meiner Erinnerungen an Kühe stammt aus meiner Kindheit. Kinder haben oft ein sehr gutes Gespür für Fairness und wie die Welt gerechter wäre.
Eine Kindergartenfreundin hatte ein Pferd, das gerade ein Fohlen geboren hatte. Natürlich wollten wir die beiden besuchen. Wir brachten Karotten und Äpfel mit und standen voller Begeisterung bei Mutter und Kind.
Direkt gegenüber im Stall stand eine Kuh. Sie beobachtete uns still. Während wir das Pferd fütterten, schaute sie uns mit ihren großen, ruhigen Augen an.
Ich erinnere mich noch heute an das Gefühl, das damals in mir aufkam. Warum bekommt das Pferd die Karotten und die Zuneigung, während die Kuh ihre Muttermilch gibt und später Fleisch werden soll?Beide sind ähnlich groß. Beide haben Bedürfnisse. Beide haben komplexe soziale Beziehungen. Beide fühlen.
Damals konnte ich das noch nicht in Worte fassen. Aber etwas daran fühlte sich nicht richtig an.
Ahimsa beginnt oft auf dem Teller
Eines der wichtigsten Prinzipien im Yoga ist Ahimsa, die Gewaltlosigkeit.
Natürlich gelingt es uns nicht immer, vollkommen gewaltfrei zu leben. Aber wir können versuchen, Schaden zu reduzieren und bewusste Entscheidungen zu treffen.
Für mich gehört Ernährung dazu. Jeden Tag haben wir mehrere Gelegenheiten, zu entscheiden, welche Art von Mensch wir in dieser Welt sein möchten. Nicht aus Perfektion und Selbstoptimierung, sondern aus Mitgefühl.
Ich habe das Buch Yoga & Veganism von Sharon Gannon inzwischen zweimal gelesen. Jedes Mal, wenn ich das Kapitel über industrielle Milchproduktion lese, fließen meine Tränen in Bächen.
Und hey, ich weiß, dass Essen ein sensibles Thema ist und man sich schnell angepiekt fühlt. Ich schreibe diesen Text nicht, weil ich Schuldgefühle erzeugen möchte. Sondern weil ich spüre, wie eng Yoga und Mitgefühl für mich miteinander verbunden sind.
Yoga endet nicht, wenn wir die Matte verlassen.
Yoga zeigt sich in unseren Beziehungen. Zu uns selbst. Zu anderen Menschen. Zu Tieren. Zur Erde. Und jeder noch so kleine Schritt und Bemühung zählen.
Kühe, Indien und Yoga
Mit Anfang zwanzig reiste ich mit einer guten Freundin nach Indien.
Als Veganerinnen landeten wir immer wieder im gleichen kleinen pflanzlichen Restaurant am Fuße des Himalayas. Eines Tages kamen wir mit dem Besitzer ins Gespräch. Früher war er in der Tierrechtsarbeit aktiv gewesen. Er erzählte uns etwas, das mich bis heute beschäftigt.
In vielen Teilen Indiens ist das Schlachten von Kühen verboten, weil sie als heilig gelten. Gleichzeitig werden große Mengen Milchprodukte konsumiert. Wenn die Kühe nicht mehr genügend Milch geben, werden viele von ihnen in Nachbarländer z. B. Pakistan transportiert und dort geschlachtet.
Er sagte einen Satz, der mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist: „Die meisten Menschen würden anders handeln, wenn sie wirklich wüssten, was passiert.“
Vielleicht stimmt das. Vielleicht würde mehr Wissen zu mehr Mitgefühl führen. (Wenn du dich weiter informieren möchtest, habe ich unten ein paar Inspirationen gesammelt.)
Mein größter Traum
Zum ersten Mal hörte ich als Kind von einem Lebenshof für sogenannte „Nutztiere“.
Seitdem hat mich die Idee nie wieder losgelassen. Ich habe viele Lebenshöfe besucht, dort geholfen, Patenschaften übernommen und Organisationen unterstützt. Ich kann es dir wärmstens empfehlen auch mal einen Lebenshof zu besuchen z.b. das Land der Tiere in der Nähe von Lüneburg.
Und mit jedem Jahr wurde der Traum eines Lebenshofs größer.
Als ich zum ersten Mal das Mantra Lokah Samastah Sukhino Bhavantu in einer Jivamukti-Yogastunde hörte, liefen mir die Tränen übers Gesicht.
„Mögen alle Wesen glücklich und frei sein.“ Nicht manche Wesen. Nicht nur Menschen. Alle Wesen. Aus diesem Grund beende ich alle meine Yogaklassen mit diesem Mantra.
Als ich später erfuhr, dass Sharon Gannon und David Life selbst mit geretteten Tieren auf einem Sanctuary leben, fühlte sich das an wie ein Nachhausekommen.
Während der letzten Jahre entstand daraus meine eigene Vision:
Ein Ort am Meer.
Eine Yogashala.
Und ein Sanctuary für gerettete Tiere.
Ein Ort, an dem Menschen Yoga praktizieren und gleichzeitig Tieren begegnen können, die Heilung, Sicherheit und Frieden erfahren dürfen. Ein Ort, an dem Verbundenheit gelebt wird. Zwischen Mensch und Tier. Zwischen Praxis und Alltag. Basically ein kleines Paradies auf Erden. 🌈
Das erste Mitglied unseres kleinen Sanctuaries
Ganz genau genommen haben wir sogar schon unser erstes Sanctuary-Tier.
Vor fünf Jahren zog Lila bei uns ein. Eine rumänische Tierschutzhündin.
Heute ist sie vermutlich eines der verwöhntesten Wesen Europas und der sehr stolze Mittelpunkt unseres kleinen Sharanam (Sanctuary). Ihr Spitzname ist King Lui und das sagt schon alles.
Jede Vision (auch deine) beginnt klein.
Ein Traum, der wachsen darf
Während du diese Zeilen liest, sind mein Partner, Lila und ich auf der Suche.
Auf der Suche nach einem Stück Land irgendwo in Südeuropa. Einem Ort, an dem diese Vision Wurzeln schlagen kann.
Vielleicht wird es Jahre dauern. Vielleicht verändert sich die Form des Traums noch. Aber die Richtung ist klar.
Wenn du einen Yogakurs bei mir besuchst, an einem Retreat teilnimmst oder diesen Artikel liest, dann hilfst du indirekt auch dabei, diesen Traum ein Stück weiter wachsen zu lassen.
Den Traum von einem Ort, an dem Yoga, Mitgefühl und gerettete Tiere zusammenkommen.
Und schon in diesem Moment beginnt die Welt, die wir uns wünschen.
Eine Welt, in der alle Wesen glücklich und frei sein dürfen.
Lokah Samastah Sukhino Bhavantu. 🤍
Weitere Empfehlungen zu diesem Thema
- Buch: „Autobiografie eines Yogi“ von Paramahansa Yogananda
- Buch: „Yoga & Veganism“ von Sharon Gannon
- Youtube Dokumentation: Die Geschichte vom verstoßenen Bergbauern